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Angst beim Einschlafen: 7 Methoden (2026)

Tino Dagba | 29 August 2026 | 16 Min Lesezeit
Schlafstörungen
Angst einschlafen – wissenschaftlich fundierte Tipps

⚡ Kurz & Klar

Angst und Schlaflosigkeit verstärken sich gegenseitig: Sorgen treiben das Nervensystem in einen Zustand der Übererregung (Hyperarousal), und schlechter Schlaf macht die Amygdala am nächsten Tag noch reaktiver. Dieser Teufelskreis lässt sich durchbrechen – am wirksamsten mit kognitiver Verhaltenstherapie bei Insomnie (CBT-I), Reizkontrolle und langsamer Atmung, die den Vagusnerv aktiviert. Bei anhaltender Angst gehört die Behandlung jedoch in professionelle Hände.

📌 Das Wichtigste auf einen Blick

  • 📌 Menschen mit Insomnie haben messbar erhöhte Cortisolwerte – besonders abends und nachts (Vgontzas et al., 2001; Dressle et al., 2022)
  • 📌 Eine einzige durchwachte Nacht verstärkt die Reaktivität der Amygdala auf negative Reize und schwächt die Kontrolle durch den präfrontalen Kortex (Yoo et al., 2007)
  • 📌 Übermäßiges Grübeln vor dem Einschlafen ist der Kern des Teufelskreises – das kognitive Modell von Harvey (2002) beschreibt genau diesen Mechanismus
  • 📌 CBT-I gilt als Erstlinientherapie und erreicht eine mittlere Effektstärke von 0,5; sie bessert auch komorbide Angst (Hermes et al., 2021; Lau et al., 2024)
  • 📌 Langsames Atmen mit etwa 6 Atemzügen pro Minute erhöht die Herzratenvariabilität und senkt Angst über den Vagusnerv (Zaccaro et al., 2018)

Es ist drei Uhr nachts. Dein Körper ist erschöpft, doch dein Kopf läuft auf Hochtouren. Du denkst an die Mail von morgen, an eine alte Peinlichkeit, an die Frage, ob du jemals wieder richtig schlafen wirst. Wenn du vor lauter Angst einschlafen willst, aber dein Gedankenkarussell sich immer schneller dreht, steckst du mitten in einem der hartnäckigsten Teufelskreise der Schlafmedizin. Denn Angst und Schlaflosigkeit füttern sich gegenseitig: Die Sorge raubt dir den Schlaf, und der fehlende Schlaf macht dich am nächsten Tag noch ängstlicher.

Die gute Nachricht zuerst: Dieser Kreislauf ist kein Schicksal. Er folgt vielmehr klaren neurobiologischen Regeln – und genau deshalb lässt er sich auch gezielt durchbrechen. In diesem Artikel zeige ich dir zunächst, was in deinem Gehirn passiert, wenn die Angst dich wachhält. Anschließend bekommst du sieben evidenzbasierte Methoden, mit denen du nachts wieder zur Ruhe findest. Wer die Grundlagen vertiefen will, findet sie im Schlafhygiene-Handbuch. Und weil Angst eng mit dem Stresshormon zusammenhängt, lohnt parallel ein Blick darauf, wie Cortisol deinen Schlaf steuert.

Vorweg ein wichtiger Hinweis: Dieser Text ist kein Ersatz für ärztliche oder therapeutische Beratung. Wenn deine Angst stark ist oder über Wochen anhält, hol dir bitte professionelle Hilfe – weiter unten erkläre ich, woran du das erkennst.

Angst und Schlaf: Warum der Teufelskreis so hartnäckig ist

Angst ist im Kern eine Schutzreaktion. Dein Körper bereitet sich auf Gefahr vor: Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, die Sinne werden wach. Tagsüber kann das sinnvoll sein. Nachts jedoch ist genau dieser Alarmzustand das Problem. Denn um einzuschlafen, muss dein Nervensystem in den Ruhemodus wechseln. Solange dein Körper aber auf Hochtouren läuft, bleibt der Schlaf aus.

Schlechter Schlaf wiederum verstärkt die Angst. Schon eine einzige durchwachte Nacht macht dich reizbarer, schreckhafter und pessimistischer. Daher entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Die Angst stört den Schlaf, und der gestörte Schlaf befeuert die Angst. Beide Richtungen sind wissenschaftlich gut belegt – Forscher sprechen deshalb von einer bidirektionalen Beziehung (Khurshid, 2018).

Besonders tückisch ist außerdem ein weiterer Mechanismus: Wer nachts wachliegt, beginnt oft, sich Sorgen über den Schlaf selbst zu machen. „Wenn ich jetzt nicht einschlafe, bin ich morgen kaputt.“ Genau dieser Gedanke erhöht die Anspannung weiter. Insgesamt wird das Bett dadurch vom Ort der Erholung zum Ort der Bedrohung. Folglich verknüpft dein Gehirn die Matratze mit Stress statt mit Ruhe – und genau das macht das Problem so dauerhaft.

Die Neurobiologie: Was Angst in deinem Gehirn auslöst

Um den Teufelskreis zu verstehen, lohnt ein Blick auf drei Akteure: die Amygdala, die Stresshormonachse und das sogenannte Hyperarousal. Diese drei erklären, warum sich Angst und Schlaflosigkeit so eng verzahnen.

Die Amygdala – dein überaktiver Alarmknopf

Die Amygdala ist ein mandelförmiger Kern tief im Gehirn. Sie bewertet, ob etwas bedrohlich ist, und löst bei Gefahr Angst aus. Normalerweise hält der präfrontale Kortex – dein rationales Kontrollzentrum – diese Alarmzentrale im Zaum. Schlafmangel stört jedoch genau diese Bremse. Yoo und Kollegen zeigten bereits 2007: Nach einer einzigen schlaflosen Nacht reagiert die Amygdala deutlich stärker auf negative Reize, während ihre Verbindung zum präfrontalen Kortex erkennbar abreißt (Yoo et al., 2007).

Dieser Effekt tritt zudem nicht erst nach völligem Schlafentzug auf. Schon eine teilweise verkürzte Nacht schwächt die schützende Kopplung zwischen Amygdala und Stirnhirn und erhöht damit die negative emotionale Reaktivität (Motomura et al., 2013). Mit anderen Worten: Wenig Schlaf macht dich buchstäblich dünnhäutiger. Daher reagierst du am nächsten Tag heftiger auf Stress – und genau dieser Stress raubt dir die folgende Nacht erneut den Schlaf.

Hinzu kommt ein nächtlicher Reparaturmechanismus, der bei Betroffenen versagt. Normalerweise sinkt die Amygdala-Aktivität während des gesunden REM-Schlafs ab, sodass emotionaler Ballast über Nacht verarbeitet wird. Ist der REM-Schlaf jedoch zerstückelt, bleibt diese Reaktivität bestehen – die emotionale Anspannung trägst du somit in den nächsten Tag (Wassing et al., 2019).

Cortisol und die Stressachse

Der zweite Akteur ist das Stresshormon Cortisol. Gesunder Tiefschlaf bremst die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, kurz HPA-Achse. Bei Schlafstörungen kippt dieses Gleichgewicht jedoch. Eine umfassende Studie maß rund um die Uhr den Cortisolspiegel und fand bei Insomnie-Patienten deutlich erhöhte Werte – am stärksten vor dem Zubettgehen und in der ersten Nachthälfte (Vgontzas et al., 2001).

Eine spätere Meta-Analyse bestätigte dieses Muster. Über 19 Studien hinweg zeigte sich nämlich ein signifikanter, wenn auch moderater Anstieg des Cortisols bei Menschen mit Insomnie, vor allem tagsüber, abends und nachts (Dressle et al., 2022). Erhöhtes Cortisol hält den Körper folglich in Alarmbereitschaft – und genau das verhindert das Einschlafen. Deshalb ist es so wichtig, das Stresssystem am Abend gezielt herunterzufahren, statt es weiter anzuheizen.

Hyperarousal – der Zustand der Dauer-Wachheit

Beide Befunde münden in einem Begriff: Hyperarousal, also chronische Übererregung. Dabei läuft das gesamte System auf zu hohem Niveau – kognitiv durch kreisende Gedanken, körperlich durch Anspannung und einen wachen Puls. Übererregung ist tatsächlich einer der konsistentesten Befunde in der Insomnie-Forschung (Dressle et al., 2023). Wer vor Angst einschlafen möchte, kämpft also nicht gegen Müdigkeit, sondern gegen ein Nervensystem, das den Ausschaltknopf nicht findet.

Das Grübel-Modell: Wie Sorgen den Schlaf zerstören

Warum aber wird aus einer schlechten Nacht ein chronisches Problem? Die Antwort liefert das kognitive Modell der Insomnie der britischen Psychologin Allison Harvey (Harvey, 2002). Es erklärt den Teufelskreis Schritt für Schritt – und ist bis heute eines der einflussreichsten Modelle der Schlafmedizin.

Alles beginnt mit übermäßigem, negativ gefärbtem Denken. Das sind Sorgen über den Tag, vor allem aber Grübeleien über den Schlaf selbst. Dieses kognitive Hyperarousal tritt besonders in der Phase kurz vor dem Einschlafen geballt auf. Die Folge ist autonome Erregung: Das Herz schlägt schneller, der Körper spannt sich an, die Unruhe wächst.

Anschließend richtet dein Gehirn die Aufmerksamkeit gezielt auf vermeintliche Bedrohungen. Du horchst beispielsweise in den Körper hinein, beobachtest jeden Herzschlag, schaust ständig auf die Uhr. Diese selektive Aufmerksamkeit lässt die Anspannung folglich weiter steigen. Schließlich entwickeln Betroffene dysfunktionales Sicherheitsverhalten – etwa stundenlanges Wachliegen oder verzweifelte Einschlafversuche. All das verstärkt das Hyperarousal und schließt den Kreis (Harvey, 2002; Perlis et al., 1997).

Besonders heimtückisch ist der Versuch, störende Gedanken einfach zu unterdrücken. Das funktioniert nämlich nicht. Im Gegenteil: Gedankenunterdrückung steigert die Erregung noch zusätzlich (Harvey, 2001). Genau hier setzt später die kognitive Defusion an, die ich dir weiter unten erkläre.

Das Grübeln wirkt dabei als direkte Brücke zwischen schlechter Stimmung und schlechtem Schlaf (Slavish et al., 2015). Und der Preis ist hoch: Anhaltende Insomnie erhöht das Risiko, später eine Depression zu entwickeln, um das Zwei- bis Dreifache (Khurshid, 2018). Den Kreislauf früh zu durchbrechen, ist deshalb nicht nur eine Frage des Komforts, sondern der psychischen Gesundheit.

7 evidenzbasierte Methoden gegen nächtliche Angst

Jetzt wird es praktisch. Die folgenden sieben Methoden setzen nämlich genau an den Mechanismen an, die du gerade kennengelernt hast. Sie sind außerdem nach Wirksamkeit geordnet – die ersten beiden bilden das Fundament, die übrigen ergänzen es. Wichtig ist jedoch: Gib jeder Methode mindestens zwei Wochen Zeit.

Methode 1: CBT-I – die Goldstandard-Therapie

Die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (CBT-I) ist die mit Abstand am besten belegte Behandlung. Sie gilt als Erstlinientherapie und erreicht eine mittlere Effektstärke von 0,5 (Hermes et al., 2021). Anders als Schlafmittel wirkt sie langfristig und ohne Nebenwirkungen. CBT-I kombiniert mehrere Bausteine: Reizkontrolle, Schlafrestriktion, kognitive Umstrukturierung, Schlafhygiene und Entspannungstraining.

Entscheidend für Angstbetroffene ist außerdem: CBT-I bessert nicht nur den Schlaf, sondern auch die Angst selbst. Bei Menschen mit zusätzlicher generalisierter Angststörung verbessert die Therapie zuverlässig beide Bereiche – und der bessere Schlaf geht der Abnahme von Sorgen und Panik oft sogar voraus (Lau et al., 2024). Du kannst CBT-I beispielsweise bei einem Therapeuten machen oder zunächst über ein digitales Programm starten. Allerdings braucht die Methode Geduld: Erste Erfolge zeigen sich meist nach einigen Wochen.

Methode 2: Reizkontrolle – das Bett zurückerobern

Die Reizkontrolle ist der wirksamste Einzelbaustein der CBT-I und gleichzeitig leicht umzusetzen. Ihr Ziel: Dein Gehirn soll das Bett wieder eindeutig mit Schlaf verknüpfen statt mit Wachliegen und Grübeln (Smart CBT-I Studienprotokoll, 2025). Die Regel ist simpel, aber konsequent durchzuhalten.

Konkret heißt das zunächst: Geh nur ins Bett, wenn du wirklich müde bist. Nutze das Bett außerdem ausschließlich zum Schlafen – nicht zum Lesen, Essen oder Handyscrollen. Und am wichtigsten: Wenn du nach etwa 20 Minuten nicht eingeschlafen bist, steh auf. Geh anschließend in einen anderen Raum, mach etwas Ruhiges bei gedämpftem Licht und kehre erst zurück, wenn du schläfrig wirst. So lernt dein Gehirn nach und nach neu, dass das Bett kein Ort der Anspannung ist. Anfangs fällt das schwer, doch nach einigen Nächten wird es spürbar leichter.

Methode 3: Langsame Atmung – den Vagusnerv aktivieren

Atmung ist der direkteste Hebel auf dein Nervensystem. Langsames Atmen mit weniger als zehn Atemzügen pro Minute erhöht messbar die Herzratenvariabilität und verschiebt das Gleichgewicht hin zum beruhigenden Parasympathikus – vermittelt über den Vagusnerv (Zaccaro et al., 2018). Auf der Ebene des Gehirns steigt die entspannende Alpha-Aktivität, während Angst, Anspannung und Unruhe nachlassen.

Besonders günstig ist beispielsweise ein Rhythmus von etwa sechs Atemzügen pro Minute. Eine bewährte Variante ist zudem die 4-7-8-Technik. Probier sie deshalb heute Nacht aus – die genaue Anleitung findest du in unserem Leitfaden zur 4-7-8-Atemtechnik zum Einschlafen. Schon wenige Minuten reichen nämlich, um den Körper aus dem Alarmmodus zu holen.

Methode 4: Progressive Muskelentspannung

Angst sitzt bekanntlich im Körper. Verspannte Schultern, ein zusammengezogener Kiefer, ein flacher Atem – all das hält das Hyperarousal aufrecht. Die progressive Muskelentspannung setzt deshalb genau hier an. Du spannst zunächst nacheinander einzelne Muskelgruppen bewusst an und lässt sie dann gezielt los. Dadurch lernt dein Körper den Unterschied zwischen Anspannung und Ruhe wieder zu spüren.

Diese Technik ist fester Bestandteil der Entspannungsmodule in der CBT-I. Eine ausführliche Schritt-für-Schritt-Anleitung findest du in unserem Artikel zur progressiven Muskelentspannung für besseren Schlaf. Zehn bis fünfzehn Minuten vor dem Schlafengehen genügen.

Methode 5: Kognitive Defusion – Gedanken ziehen lassen

Du erinnerst dich: Gedanken zu unterdrücken funktioniert nicht. Die kognitive Defusion geht deshalb den umgekehrten Weg. Statt gegen das Grübeln anzukämpfen, schaffst du Abstand dazu. Ein angstvoller Gedanke ist nämlich nur ein Gedanke – keine Tatsache und kein Befehl.

Praktisch hilft beispielsweise eine kleine Umformulierung. Statt „Ich werde morgen versagen“ denkst du: „Ich bemerke gerade den Gedanken, dass ich morgen versagen könnte.“ Diese Distanz nimmt dem Gedanken die Macht. Alternativ stellst du dir deine Sorgen als Wolken vor, die am Himmel vorbeiziehen. Du musst ihnen nämlich nicht folgen. Du schaust ihnen vielmehr nur zu, wie sie kommen und wieder gehen. Anfangs wirkt das ungewohnt, doch mit etwas Übung wird es zu einem verlässlichen Werkzeug.

Methode 6: Das Grübel-Tagebuch vor dem Schlaf

Wenn deine Gedanken nachts kreisen, gib ihnen tagsüber einen festen Platz. Setz dich am frühen Abend zehn Minuten hin und schreib auf, was dich beschäftigt. Notiere jede Sorge und daneben einen ersten kleinen Schritt, den du am nächsten Tag gehen kannst. Dadurch signalisierst du deinem Gehirn: Diese Themen sind notiert, sie laufen nicht weg.

Der Effekt ist tatsächlich erstaunlich. Viele Betroffene berichten nämlich, dass die nächtlichen Gedankenschleifen leiser werden, sobald die Sorgen einen festen Termin am Tag haben. Wichtig ist allerdings nur eines: Das Tagebuch gehört an den Schreibtisch, niemals ins Bett.

Methode 7: Konstante Aufstehzeit als Anker

Angst liebt Unvorhersehbarkeit. Ein stabiler Rhythmus gibt deinem Nervensystem dagegen Sicherheit. Der stärkste Anker ist dabei nicht die Zubettgehzeit, sondern die Aufstehzeit. Steh jeden Morgen zur selben Zeit auf – auch nach einer schlechten Nacht und auch am Wochenende.

Das mag nach einer schlaflosen Nacht zunächst hart erscheinen. Doch genau so baust du gesunden Schlafdruck auf, der dich am nächsten Abend leichter einschlafen lässt. Verstärke den Effekt außerdem mit Tageslicht direkt nach dem Aufwachen. Es stabilisiert nämlich deine innere Uhr und hebt zudem die Stimmung. Insgesamt ist die feste Aufstehzeit damit einer der unterschätztesten Hebel überhaupt.

Die 7 Methoden im Vergleich: Wirkung und Aufwand

Welche Methode passt zu dir? Die folgende Tabelle fasst Wirkung und Aufwand zusammen. Beginne ruhig mit zwei oder drei Methoden statt mit allen gleichzeitig.

MethodeWirkungAufwand
CBT-I (Gesamtprogramm)★★★★★Hoch
Reizkontrolle★★★★★Mittel
Langsame Atmung (4-7-8)★★★★☆Niedrig
Progressive Muskelentspannung★★★★☆Niedrig
Kognitive Defusion★★★☆☆Mittel
Grübel-Tagebuch★★★☆☆Niedrig
Konstante Aufstehzeit★★★★☆Mittel

Miriams Geschichte – 38, Lehrerin aus Leipzig

Miriam, 38, Lehrerin aus Leipzig

Seit der Beförderung zur stellvertretenden Schulleiterin lag Miriam fast jede Nacht wach. Kaum war das Licht aus, begann das Gedankenkarussell: Aufgabenlisten, Konflikte im Kollegium, die Angst zu versagen. Je angestrengter sie einzuschlafen versuchte, desto wacher wurde sie. Nach drei Monaten fürchtete sie das Bett regelrecht.

Was sie änderte: Abends führte sie zunächst ein zehnminütiges Grübel-Tagebuch ein. Im Bett wandte sie anschließend die 4-7-8-Atmung an. Und wenn sie nach 20 Minuten noch wach war, stand sie konsequent auf, statt sich zu ärgern. Zusätzlich stand sie jeden Morgen um sieben Uhr auf – auch samstags.

Nach drei Wochen schlief Miriam abends deutlich schneller ein. „Das Bett fühlt sich nicht mehr wie ein Kampfplatz an“, sagt sie. Die Methoden haben ihre Angst nicht über Nacht gelöscht. Aber sie haben ihr den Schlaf zurückgegeben – und damit die Kraft, den Rest anzugehen.

Die häufigsten Fehler bei nächtlicher Angst

  • Fehler 1: Im Bett liegen bleiben und kämpfen. Stundenlanges Wachliegen verknüpft das Bett mit Anspannung. Steh stattdessen auf, sobald du merkst, dass du nicht einschläfst.
  • Fehler 2: Auf die Uhr schauen. Jeder Blick auf die Zeit verstärkt den Druck und die Sorge. Dreh den Wecker weg und verbanne das Smartphone aus dem Schlafzimmer.
  • Fehler 3: Gedanken gewaltsam unterdrücken. Das treibt die Erregung erst recht hoch (Harvey, 2001). Lass die Gedanken stattdessen ziehen, wie es die kognitive Defusion vorschlägt.
  • Fehler 4: Alkohol als Einschlafhilfe. Alkohol macht zwar müde, fragmentiert aber den Schlaf und verschlimmert die Angst am nächsten Tag.
  • Fehler 5: Nach einer schlechten Nacht ausschlafen. Das verschiebt deine innere Uhr und schwächt den Schlafdruck. Halte die Aufstehzeit stabil.

Wann du professionelle Hilfe suchen solltest

Selbsthilfe hat allerdings Grenzen. Die Methoden in diesem Artikel helfen vor allem bei leichter bis mittlerer nächtlicher Anspannung. Es gibt jedoch klare Signale, bei denen du nicht weiter allein experimentieren solltest, sondern ärztliche oder therapeutische Hilfe brauchst.

  • Deine Angst oder Schlaflosigkeit hält länger als vier Wochen an.
  • Du erlebst Panikattacken, Herzrasen oder das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.
  • Die Angst schränkt deinen Alltag, deine Arbeit oder deine Beziehungen spürbar ein.
  • Du greifst regelmäßig zu Alkohol oder Schlafmitteln, um abzuschalten.
  • Du hast Gedanken, dir selbst zu schaden – dann suche bitte sofort Hilfe.

Erste Anlaufstelle ist deine Hausärztin oder dein Hausarzt. Sie können körperliche Ursachen ausschließen und dich an psychotherapeutische oder schlafmedizinische Stellen weiterleiten. In akuten Krisen erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111. Angststörungen sind gut behandelbar – der erste Schritt ist, sich Hilfe zu holen.

Häufige Fragen zu Angst und Schlaf

Warum werde ich nachts oft von Angst wach?

In den frühen Morgenstunden ist der Cortisolspiegel natürlicherweise im Anstieg, und der REM-Schlaf überwiegt. Beides macht dich anfälliger für Grübeln und Angst. Kommt noch ein übererregtes Nervensystem hinzu, wachst du leichter auf und findest schwerer zurück in den Schlaf (Vgontzas et al., 2001).

Hilft CBT-I auch, wenn ich gleichzeitig eine Angststörung habe?

Ja. Studien zeigen, dass CBT-I bei Menschen mit komorbider generalisierter Angststörung sowohl den Schlaf als auch die Angst zuverlässig bessert. Häufig verbessert sich der Schlaf sogar zuerst und zieht die Angstreduktion nach sich (Lau et al., 2024). CBT-I ersetzt aber keine spezifische Angsttherapie, wenn die Angst im Vordergrund steht.

Welche Atemtechnik wirkt am schnellsten gegen nächtliche Angst?

Am besten belegt ist langsames Atmen mit etwa sechs Atemzügen pro Minute, etwa über die 4-7-8-Technik. Es erhöht die Herzratenvariabilität und aktiviert den beruhigenden Vagusnerv (Zaccaro et al., 2018). Schon wenige Minuten können das Erregungsniveau spürbar senken.

Sollte ich aufstehen, wenn ich vor Angst nicht einschlafen kann?

Ja. Wenn du nach etwa 20 Minuten noch wach bist, steh auf und mach etwas Ruhiges bei gedämpftem Licht. So verhinderst du, dass dein Gehirn das Bett mit Anspannung verknüpft. Dieses Prinzip der Reizkontrolle ist einer der wirksamsten Bausteine der CBT-I.

Sind Schlafmittel bei Angst eine Lösung?

Schlafmittel können kurzfristig helfen, lösen aber nicht die Ursache und bergen ein Abhängigkeitsrisiko. Langfristig ist CBT-I der Medikation überlegen. Schlafmittel sollten nur kurzzeitig und unter ärztlicher Begleitung eingesetzt werden. Sprich dazu unbedingt mit deinem Arzt.

Ab wann ist nächtliche Angst behandlungsbedürftig?

Wenn die Angst länger als vier Wochen anhält, deinen Alltag einschränkt oder mit Panikattacken einhergeht, solltest du professionelle Hilfe suchen. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis. Angststörungen sind gut behandelbar – je früher du startest, desto besser.

Fazit: Der Teufelskreis ist durchbrechbar

Angst und Schlaflosigkeit verstärken sich gegenseitig – aber dieser Kreislauf ist kein Schicksal. Wer die Mechanismen versteht, kann sie gezielt unterbrechen. Das Fundament bilden CBT-I und Reizkontrolle. Ergänzt durch langsame Atmung, Entspannung und einen stabilen Rhythmus, beruhigst du Schritt für Schritt dein übererregtes Nervensystem.

Fang heute mit einer einzigen Sache an: Steh morgen zur festen Zeit auf, egal wie die Nacht war. Und denk daran – wenn die Angst stark bleibt, ist der Gang zur Ärztin oder zum Therapeuten kein Rückschritt, sondern der schnellste Weg aus dem Kreislauf.

Quellen

  1. Khurshid, K.A. (2018). Comorbid Insomnia and Psychiatric Disorders: An Update. Innovations in Clinical Neuroscience, 15(3-4), 28-32.
  2. Yoo, S.S., Gujar, N., Hu, P., Jolesz, F.A., & Walker, M.P. (2007). The human emotional brain without sleep – a prefrontal amygdala disconnect. Current Biology, 17(20), R877-R878.
  3. Motomura, Y. et al. (2013). Sleep debt elicits negative emotional reaction through amygdala anterior cingulate functional connectivity. PLoS ONE, 8(2), e56578.
  4. Wassing, R. et al. (2019). Restless REM sleep impedes overnight amygdala adaptation. Current Biology, 29(14), 2351-2358.
  5. Vgontzas, A.N. et al. (2001). Chronic insomnia is associated with nyctohemeral activation of the hypothalamic-pituitary-adrenal axis. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 86(8), 3787-3794.
  6. Dressle, R.J. et al. (2022). HPA axis activity in patients with chronic insomnia: A systematic review and meta-analysis. Sleep Medicine Reviews, 62, 101588.
  7. Dressle, R.J. & Riemann, D. (2023). Hyperarousal in insomnia disorder: Current evidence and potential mechanisms. Journal of Sleep Research, 32(6), e13928.
  8. Harvey, A.G. (2002). A cognitive model of insomnia. Behaviour Research and Therapy, 40(8), 869-893.
  9. Harvey, A.G. (2001). I can’t sleep, my mind is racing! An investigation of strategies of thought control in insomnia. Behavioural and Cognitive Psychotherapy, 29(1), 3-11.
  10. Perlis, M.L. et al. (1997). Psychophysiological insomnia: the behavioural model and a neurocognitive perspective. Journal of Sleep Research, 6(3), 179-188.
  11. Slavish, D.C. et al. (2015). Sleep, rumination, and stress in students. Behavioral Sleep Medicine, 13(6), 466-481.
  12. Lau, E.Y.Y. et al. (2024). CBT-I for comorbid insomnia and generalized anxiety disorder: a randomized controlled trial. Frontiers in Psychiatry, 16, 1450275.
  13. Zaccaro, A. et al. (2018). How breath-control can change your life: a systematic review on psycho-physiological correlates of slow breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353.

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Tino Dagba, Schlafapnoe-Betroffener und Autor von SmartSchlaf

Tino Dagba

Schlafapnoe-Betroffener & Autor

Ich leide selbst an Schlafapnoe und beschäftige mich seit Jahren intensiv mit Schlafforschung und Schlafoptimierung. Auf SmartSchlaf übersetze ich wissenschaftliche Erkenntnisse in praxisnahe Anleitungen für Menschen, die wirklich besser schlafen wollen – ohne Schnickschnack.

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